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[ map ] Kolonialfantasien im Aufputz

Am regnerischen Freitagnachmittag des 4. Oktober 2013 treffen wir uns im Garten des Edelrestaurants "Waldesruh am See" in Aumühle, gleich neben einer hierher ob "mangelnder Qualität" abgeschobenen Skulptur aus der letzten Kolonialzeit des Deutschen Reichs. Das Machwerk ist frei zugänglich, es steht versteckt an der Baumkante zum Sachsenwald.

Wir haben mitgebracht:

  • Einen Küchentisch
  • vier Hocker
  • verschiedenste Silberbestecke
  • Silberputzutensilien

Unser Vorhaben: Zur besten Waldspaziergangszeit wollen wir an diesem widersprüchlichen Ort nahe Hamburg, hochwert- iges Villenareal und letzte Wahlheimat eines Karl Dönitz, Altes aufpolieren und uns den fragenden Blicken der Spaziergänger aussetzen, uns durch das Handwerk auf neue Gedanken bringen lassen und – selbstredend – die frische Luft genießen.

Was soll das? Das "Schürfen" von Werten bestimmt unsere westlichen Traditionen nicht nur bzgl. der Rohstoffe, sondern wirkt bis in unseren Alltag hinein: Jeder "geschürfte" Mehrwert wird beim Endverbraucher besteuert, festgeschrieben in den Umsatzsteuergesetzen. Auch das Schürfen neuer bitcoins im Internet durch die Lösung komplexer Rechenaufgaben basiert auf dieser Vorstellung. Wir alle sind am Aufpolieren dieses Paradigmas beteiligt, das sich wenig darum schert, was geschürft wird, sondern dass geschürft wird. Auch aus diesem Grunde ist der Hype um einen "Paradigmenwechsel" durch bitcoin Illusion.

Spekulation & Verfallsdatum

Die Spekulation auf Mehrwert hat verschiedene Formen ausgebildet. Da gibt es die kurzfristigen, die auf Material- bearbeitung setzen und die den meisten von uns offen stehen, wenn wir z.B. aus einem Stück Holz einen Teller herstellen, ihn ggfs. reich verzieren, um den Wert durch unserer Hände Arbeit noch zu steigern. Sie sind Ausdruck eines kulturellen status quo und halten bis auf wenige Einzelstücke, die Einzug in museale Kontexte finden, nicht sehr lange. Das kurze Verfallsdatum dieser Produkte wird gerne durch einen Werbespruch kaschiert, der ihre "Zeitlosigkeit" lobt. Unser mitgebrachtes Tafelsilber dürfte in diese Kategorie vergangener Mode fallen.

 
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Dem "Soldatenkönig" Friedrich-Wilhelm I. von Preußen galt das ererbte Tafelsilber als stille Reserve, die bei Bedarf einge- schmolzen werden kann, durch Entfernen der kunstvollen Verzierungen für den Weltmarkt historisch neutralisiert. Hier zeigt sich ein "Update" der Staatsführung, das der gängigen Eroberungsmentalität dieser Zeit gerecht wurde:

Mein Vater fand Freude an prächtigen Gebäuden, großen Mengen Juwelen, Silber, Gold und äußerlicher Magnifizienz – erlauben Sie, dass ich auch mein Vergnügen habe, das hauptsächlich in einer Menge guter Truppen besteht.

[Friedrich Wilhelm I. bei der Ansprache an seine Minister; berichtet vom holländischen Gesandten Lintelo]

Während die Kunst immer noch von einem Mehrwert durch Erkenntnis träumt, legen die langfristigen Spekulationen wenig Wert auf eingearbeitete Verzierungen. Die Avantgarde des Marktes greift in großem Stil nach deren Voraussetzungen: Bodenschätze, Landbesitz, Beteiligungsgesellschaften. Selbst die Gesetzgebung einzelner Staaten kann gekapert werden, indem z.B. über Freihandelsabkommen die regionalen Gesetz- gebungen (lästige kulturelle Verzierungen!) gegeneinander ausgespielt werden. Nicht wie wir kulturelle Inhalte auf die Oberfläche unseres Lebens platzieren, sondern wo wir mit "Verzieren" beschäftigt sind, ist für diesen Zugriff auf den Mehrwert entscheidend. Aus diesem Blickwinkel – der Vergänglichkeit der Verzierungen – wird klar, warum es unter dem Paradigma der abstrakten Mehrwerterei langfristig sinnvoll ist auf beides zu setzen: Die Herstellung und die Zerstörung dessen, was wir "Kultur" nennen. Wir üben gemeinsam ein schwieriges Wort: "Energieerhaltungssatz".



Nach etwa 90 Minuten in Aumühle beginnt uns die herbst- liche Feuchtigkeit in die Glieder zu ziehen und wir packen wieder zusammen. Im Folgenden haben wir uns vorge- nommen, dem versteckten Aufpolieren überkommener Werte mit weiteren "lebenden Bildern" auf der Spur zu bleiben.

Abbildungen: Das "Denkmal" für die in den letzten deutschen Kolonien des Deutschen Reichs 1914 - 1918 Gefallenen ...
3 Fußminuten von der S-Bahn-Haltestelle Aumühle.


 

 
 
 
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